Über das Festival

Erasmus klingt! – Festival Lab 2026: «Viaggio» – Erasmus unterwegs

Basels historische Altstadt wird vom 6. bis 13. September 2026 zum dritten Mal Schauplatz des interdisziplinären Festivals Erasmus klingt! – Festival Lab. Die epochale Figur des Erasmus von Rotterdam, der viele Jahre in Basel gewirkt hat, steht im Zentrum des Barockfestivals, das im Hinblick auf Erasmus’ 500stes Todesjahr 2036 als Biennale stattfindet. Für die dritte Ausgabe von Erasmus klingt! – Festival Lab dienen Erasmus’ Reiseberichte als Quelle der Inspiration für zahlreiche Konzerte und Veranstaltungen zum Thema «Viaggio» – Erasmus unterwegs.  Das Festival wird in Zusammenarbeit mit diversen Basler Bildungs- und Kulturinstitutionen durchgeführt, darunter die Universität Basel, die Schola Cantorum Basiliensis und die Volkshochschule beider Basel.

Tickets können ab dem 15. April 2026 online unter erasmus-klingt.kulturticket.ch, telefonisch unter 0900 585 887 (Mo-Fr 10.30–12.30 Uhr CHF 1.20/Min.) oder an den bekannten Vorverkaufsstellen erworben werden. Auch erhältlich ist der Festivalpass, welcher 25% Rabatt gegenüber den Einzelkarten sowie kostenloser Eintritt zu den Begleitveranstaltungen gewährt.

 

Einführungstext von Giovanni Andrea Sechi, künstlerischer Berater

In den vergangenen Ausgaben von Erasmus klingt! – Festival Lab standen die Werke des Erasmus im Mittelpunkt. In diesem Jahr weiten wir unseren Blick auf seine Biografie, die dank seiner umfangreichen Korrespondenz eindrücklich dokumentiert ist. Die unzähligen Briefe, die er an Kollegen, Freunde sowie politische und kirchliche Würdenträger schrieb, vermitteln ein lebendiges Bild des Erasmus – und gewähren uns einen einzigartigen Einblick in den Alltag an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert. Damals wie heute hielt die Unsicherheit des politischen und militärischen Klimas in Europa Menschen nicht davon ab, Gegenstände und Informationen auszutauschen, internationale Grenzen zu überschreiten und solidarisch füreinander einzustehen.

Und welcher rote Faden verbindet das Leben von Erasmus und seine Briefe, wenn nicht das Thema der Reise? Die Reise im konkreten Sinne – als Bewegung durch den geografischen Raum – und im übertragenen Sinne: als Weg der inneren Reifung, als Suche nach der eigenen Identität durch die Auseinandersetzung mit dem Anderssein. Beide Perspektiven spiegeln sich im rastlosen Leben des Erasmus: Einerseits suchte er Beständigkeit – seine pädagogische und intellektuelle Arbeit verlangte nach einem festen Ort –, andererseits trieb ihn seine Natur zur Bewegung: Als Gelehrter und Herausgeber antiker Texte zog er zwischen europäischen Städten, Adelshöfen, Klöstern und entlegenen Bibliotheken hin und her.

Alle Konzerte des Festivals nehmen dieses weite Thema auf ihre je eigene Weise auf – und ermöglichen uns eine Reise vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Wir begegnen dem Exodus junger Menschen, die zum Studieren aufbrechen mussten (man denke an Johann Sebastian Bach, der die beschwerliche Reise zu Dietrich Buxtehude auf sich nahm, um die Kunst des Orgelbaus zu erlernen); der Reise als religiöse Pilgerschaft (eine der ältesten Routen war die «Via Francigena», die durch Europa über Rom bis nach Jerusalem führte); dem Wanderleben der gefeierten Künstler (wie Niccolò Jommelli, ein Komponist, um und über den die grossen Höfe Europas stritten); sowie der Wanderung musikalischer und kultureller Praktiken – man denke an die sogenannten «arie di baule», jene Paradestücke, die Sängerinnen und Sänger von einer Oper zur nächsten mitnahmen, um das Publikum zu begeistern und ihre stimmlichen Fähigkeiten zur Schau zu stellen.

Wegweiser durch diese vielfältigen Facetten des Reisens sind Künstler:innen von internationalem Rang: Sir John Eliot Gardiner, Giovanni Antonini, Leonardo García-Alarcón, Andrea Marcon, Julia Lezhneva, Voces8, Vox Luminis und das Ensemble Caravaggio. Über das musikalische Angebot hinaus bietet das Festivalprogramm eine Fülle von Symposien, Podiumsgesprächen, Führungen, Workshops und Buchpräsentationen. Verschiedenste Orte Basels werden durch Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftler und Schriftstellerinnen zu Wort – darunter Bruno Preisendörfer, Tobias Roth, Elke Schmitter, Alain Claude Sulzer, Ilija Trojanow, Vertreterinnen und Vertreter der Internationalen Castellio-Gesellschaft (ICG) sowie Dozierende der Universität Basel und viele mehr belebt.

Die Stimme erheben
Prolog 2024 Christoph Müller, künstlerisches Management und Gründer von Erasmus klingt! – Festival Lab

Wir heissen Sie im Namen des ganzen Teams des Hochrhein Musikfestivals und aller Musiker:innen und Mitwirkenden zur zweiten Ausgabe von «Erasmus klingt!» herzlich willkommen. Zu sagen, dass mit «Erasmus klingt!» für mich ein Traum in Erfüllung geht, ist nicht übertrieben. Als Cellist und Veranstalter habe ich seit Beginn meiner musikalischen und organisatorischen Tätigkeit eine Vorliebe zur Periode des Barock und der Frühklassik und bin fasziniert vom Leben und Denken früherer Epochen und Jahrhunderte. Besonders reizvoll ist für mich die Tatsache, dass für die Menschen sowohl in der Antike, der Renaissance als auch im 21. Jahrhundert Themen wie Macht, Eifersucht, Liebe und Tod stets existenziell waren und dass das Bedürfnis nach Ausdruck, Austausch, Debatte und künstlerischer Interaktion ungebrochen ist, unabhängig von der Zeit, in der wir leben.

Die Idee, Erasmus’ Werke im biennalen Rhythmus bis zu seinem fünfhundertsten Todesjahr 2036 ins Zentrum eines Festivalformats zu stellen, ist auch mit dem Anliegen verbunden, deren Inhalte neu zu überdenken, zu deuten, zu vermitteln, zu diskutieren und sie vom Standpunkt verschiedener Disziplinen zu betrachten: Musik, Literatur, Philosophie, Geschichte, Kunstgeschichte und Basler Stadtgeschichte.

Dass es dennoch ein Musikfestival geworden ist, liegt sicher daran, dass Musik die unmittelbarste und emotionalste Ausdrucksform aller Kunstgattungen ist. Mit Musik möchten wir unsere Besucher:innen gewissermassen verführen; sie soll ihnen die Tür zu den Themenwelten des Erasmus öffnen. Auch wenn wir uns darüber im Klaren sind, dass Erasmus Musik fern lag (bis auf wenige Aussagen im Zusammenhang mit der Handhabe von Kirchenmusik sind keine Hinweise auf Erasmus’ Musikliebe überliefert), haben wir es gewagt, die Musik ins Zentrum des Festivals zu stellen. Die Periode der Aufklärung und der aufkeimenden humanistischen Gedanken zu Beginn des 16. Jahrhunderts können als Katalysatoren der Musikgeschichte betrachtet werden. Hätte die Gesellschaft nicht darauf gebrannt, Gefühle durch Musik auszudrücken, wäre Monteverdi mit «Orfeo» (1607) wohl kaum auf die Idee gekommen, das Format der Oper zu entwickeln.

Für die zweite Ausgabe von Erasmus klingt! – Festival Lab dient Erasmus’ Werk «Die Klage des Friedens / Querela Pacis» (1517) als Quelle der Inspiration. Die Konzerte und weitere Veranstaltungen widmen sich dem Thema Frieden: ein Thema, das für vermeintlich alle Menschen von grosser Bedeutung ist und das sowohl die säkulare Welt als auch die religiöse Kultur umfasst. Wer von uns würde sich nicht wünschen, in einer harmonischen Gemeinschaft zu leben, in der Einigkeit herrscht? Wir hätten kein umfassenderes und vielversprechenderes Thema für die Ausgabe 2024 unseres Festivals wählen können. Bereits seit über zwei Jahren sind wir täglich tief besorgt über den Konflikt in der Ukraine, beobachten fassungslos die Ereignisse im Nahen Osten und in anderen Krisengebieten.

Auch die Zeit von Erasmus, zu Beginn der Neuzeit, war geprägt von Gewalt: Viele Gelehrte erhoben ihre Stimme gegen di zahllosen Kriege, die in Europa entflammten. In der «Klage des Friedens» (1517) kämpfte der Humanist mit all seiner Überzeugungskraft, um die Absurdität des Krieges und die Vorteile des Friedens zu beweisen. Sein Ziel war es, die Bedeutung der Solidarität und der Menschenwürde zu verdeutlichen, indem er die Kultur als ein mächtiges Instrument für das Leben in der Gemeinschaft anwandte.

Wie Beppe Sini, ein bekannter Friedensaktivist, sagte, kann die «Klage des Friedens» auf vielerlei Weisen gelesen werden: als ein Klassiker der Literatur, als eine Liste von Argumenten für den Frieden oder als ein humanitärer Appell. Wir haben uns für den letzteren Ansatz entschieden: Mit Erasmus‘ Worten wollen wir die Bedeutung der Solidarität und unsere Ablehnung von Gewalt und Unmenschlichkeit bekräftigen. Und um den Worten von Erasmus noch mehr Nachdruck zu verleihen, haben wir eine breite Auswahl an Musik ausgesucht, welche die Themen, für die Erasmus zu Lebzeiten gekämpft hat, weiter vertieft.

Ich danke allen Partnerinstitutionen herzlich für ihre Bereitschaft, an diesem Experiment teilzuhaben. Besonderen Dank möchte ich dem Schriftsteller Alain Claude Sulzer ausdrücken, der mit seinen inspirierenden Ideen, seinem Wissen, seiner Neugierde, der Lust zur Recherche und mit seinem umfangreichen Netzwerk wesentlich dazu beitrug, namentlich die Nebenveranstaltungen sinngebend und logisch zu kuratieren. Auch der Musikwissenschaftler Giovanni Andrea Sechi beriet und berät mich in wesentlichen inhaltlichen Fragen und trägt dazu bei, dass die musikalischen Bezüge zum Werk Erasmus’ hergestellt werden. Ebenso grosser Dank geht an das ganze Team des Hochrhein Musikfestivals, namentlich an die Projektleiterin Julia Mäder, die dieses Ereignis von Grund auf mitgestaltet und organisiert hat.

Ein solches Projekt wäre aber undenkbar ohne Partner und Sponsoren. Den Entscheidungsträgern des Swisslos-Fonds Basel-Stadt gebührt besonderer Dank für die grosszügige Förderung dieser Festival-Initiative. Ohne diese initiale Zusage hätte ich kaum die Möglichkeit gehabt, weitere Unterstützer zu gewinnen. Ihnen allen danke ich, dass sie mir das Vertrauen entgegenbringen, ein solches Projekt von der ersten Skizze auf dem weissen Blatt Papier bis zur Vollendung realisieren zu können.

Als Musiker und künstlerischer Manager verbindet sich mit der Erfüllung meines Traums von einem Barockfestival in der Basler Altstadt auch der Wunsch, künstlerische Inhalte «out of the box» in neuen Formaten greif-, spür- und fühlbar zu machen: Die Sinnlosigkeit eines Krieges in einer Lesung oder Podiumsdiskussion rational zu verstehen, um sie danach im Konzert emotional nachvollziehen zu können, ist das Ziel dieses Projekts.

Ihr Christoph Müller, künstlerischer Manager und Gründer von Erasmus klingt! – Festival Lab, Hochrhein Musikfestival, Basel

Eine Welt ohne Frieden
Prolog 2024 Alain Claude Sulzer, künstlerischer Berater von Erasmus klingt! – Festival Lab

Zählt man die Kriege, die allein in den achtzig Jahren nach Erscheinen von Erasmus’ «Klage des Friedens» (1517) geführt wurden, kommt man in Europa leicht auf dreissig – mindestens. Dass einige dieser Kriege eine direkte Folge der zur Zeit der Niederschrift noch gar nicht absehbaren Kirchenspaltung sein würden – Luther brachte seine 95 Thesen ebenfalls 1517 in Umlauf –, hätte sich auch Erasmus nicht träumen lassen. Dabei hat er in seiner Schrift mehrfach beklagt, dass nichts absurder sei als Kriege zwischen Christen, die sich doch gegenseitig lieben, schützen und am Leben lassen sollten. Schlachten, die aus Gründen des «rechten Glaubens» geführt werden würden, hätten ihm wohl den letzten Rest Optimismus geraubt, sofern er ihn denn je besass.

Erasmus’ Worte verhallten nicht ungehört – die «Querela Pacis» fand weite Verbreitung im lesenden Europa, das aus achtzig Prozent Analphabeten bestand. Doch blieben sie folgenlos wie andere Ermahnungen zu rationalem und friedlichem Handeln auch. Der Verfasser war sich wohl darüber im Klaren, dass seine Schrift das Handeln der Mächtigen kaum beeinflussen würde; sie war von vornherein eher ein verzweifelter Aufschrei als ein praktisches Handbuch zur Vermeidung von Konflikten.

Was nützt die Macht des Wortes, wenn der Sprechende lediglich die Macht hat, seine Gedanken zu formulieren, zu Papier und unter die Menschen zu bringen? Als die «Klage» bei Froben in Basel erschien, war die Aussicht auf eine friedliche Lösung der europäischen Konflikte bereits zunichte gemacht, deren Beilegung man sich durch einen Friedensvertrag zwischen dem französischen Franz I., dem habsburgischen Kaiser Maximilian I. und dem englischen Heinrich VIII. erhofft hatte. Das geplante Fürstentreffen, das Erasmus bei der Abfassung im Sinn hatte, fand nicht statt, der «Frieden von Combrai» blieb ein gescheiterter Versuch, zu dem Erasmus Überlegungen beigetragen hatte, die bei der Veröffentlichung zwar ihre globale Gültigkeit nicht verloren hatten, das tägliche Machtspiel jedoch nicht mehr beeinflussen konnten – und dies wohl auch zu jedem anderen Zeitpunkt nicht gekonnt hätten.

Die Worte der Friedensgöttin Pax sind die Anklage einer Enttäuschten, die sich wenig Hoffnung auf Veränderung und Einsicht macht, auch wenn sie diese mit nicht nachlassender Beharrlichkeit beschwört. So ist die «Klage» weniger ein Appell an den gesunden Menschenverstand, ein für alle Mal mit seinem Nachbarn in Eintracht zu leben, als vielmehr eine Zusammenfassung der zahllosen Unfähigkeiten des Menschen, den Frieden zu seinem und zum Vorteil aller zu sichern. Beständig scheint er auf neuen Streit aus zu sein.

Die internationale Gemeinschaft ist seit Erasmus’ Zeiten nur um jene Schritte weitergekommen, auf die wir nicht stolz sein können: Wir verfügen über nichts weiter als raffiniertere und bedrohlichere Waffensysteme und Logistiken, deren Einsatz die Selbstauslöschung der Menschheit bedeuten könnte, und haben es – von wenigen Ausnahmen abgesehen – auch sechshundert Jahre nach Erasmus’ «Klage des Friedens» nicht geschafft, die «Klage» zum Verstummen zu bringen.

Alain Claude Sulzer
Künstlerischer Berater von Erasmus klingt! – Festival Lab

Tausend Gesichter des Friedens: Musik, Literatur, Politik
Prolog 2024 Giovanni Andrea Sechi, künstlerischer Berater von Erasmus klingt! – Festival Lab

Der Ursprung des Wortes «Frieden» reicht weit zurück. Wenn wir dieser etymologischen Spur folgen, begegnen wir einer Vielzahl von Bedeutungen. Je nach betrachteter Sprache verändert das Wort «Frieden» seine Farbe wie ein bunt schillernder Stoff. Im Deutschen leitet sich «Frieden» vermutlich von der protoindoeuropäischen Wurzel *prı¯- oder *pra¯y- ab von der auch bedeutende Worte wie «Freund» und «frei» stammen. Frieden, Freundschaft und Freiheit sind durch ihre klangliche Ähnlichkeit miteinander verbunden und teilen sich auch den gleichen ideologischen Horizont. Betrachten wir das Wort «Frieden» in den neulateinischen Sprachen, entdecken wir eine andere Begriffsauffassung. Die indogermanische Wurzel *pak- führte zum lateinischen Substantiv «pacem» (Frieden) und zu Worten wie dem Verb «pangere» (festmachen, vereinbaren) und dem Substantiv «pactum» (Pakt). Diese Verbindung zeigt, dass Frieden in der lateinischen Welt auch eine pragmatische, politische Bedeutung hatte: Frieden konnte lediglich eine Vereinbarung zwischen Siegern und Verlierern sein. Aber wenn diese Pakte gebrochen wurden, war Krieg dann eine unvermeidliche Konsequenz?

Zweifellos hätten viele Kriege der Vergangenheit und der Gegenwart (die uns täglich durch Videos und Fotos in Zeitungen, im Fernsehen und in den sozialen Medien vor Augen geführt werden) vermieden werden können. Noch vor wenigen Jahren hätten wir uns nicht vorstellen können, Zeugen der zerstörerischen Kriege in der Ukraine und in Nahost zu werden. Diese schrecklichen Konflikte und die riskante Duldung vieler internationaler, aufrüstungswilliger Akteure haben uns veranlasst, einen der wichtigsten pazifistischen Texte von Erasmus wiederzuentdecken: die «Querela pacis». Diese 1517 in Basel erschienene Schrift war an Philipp von Burgund adressiert, einen Tag nach seiner Ernennung zum Bischof von Utrecht.

Erasmus konnte nicht ahnen, dass fast zwei Jahrhunderte später in Utrecht eine bedeutende Friedenskonferenz stattfinden würde, die dem Spanischen Erbfolgekrieg, einem der blutigsten europäischen Konflikte des 18. Jahrhunderts, ein Ende setzte. Dieses historische Ereignis führt direkt zum diesjährigen Festival von »Erasmus klingt!», das der «Querela pacis» und dem Einfluss von Frieden und Krieg auf die Musikwelt des 16., 17. und 18. Jahrhunderts gewidmet ist.

Im Eröffnungskonzert am 9. September wird Georg Friedrich Händels Musik zum Utrechter Frieden von 1713 (die Hymne «Te Deum», HWV 278, und der Psalm «Jubilate Deo», HWV 279) vom La Cetra Barockorchester und Vokalensemble unter der Leitung von Andrea Marcon aufgeführt.

Beim zweiten Konzert am 10. September erwartet uns kein Waffen-, sondern ein menschlicher Leidenschaftskonflikt: Der Countertenor und Breakdancer Jakub Józef Orlin´ski präsentiert zusammen mit dem Ensemble Il Pomo d’Oro ein abwechslungsreiches Programm aus Vokal- und Instrumental­ stücken des 17. und 18. Jahrhunderts.

Beim dritten Konzert am 11. September bietet der Dresdner Kammerchor unter der Leitung von Hans-Christoph Rademann ein facettenreiches musikalisches Programm zum Dreissigjährigen Krieg (1618 bis 1648), der Deutschland und Mitteleuropa erschütterte (und in der Musik von Heinrich Schütz und seinen Zeitgenossen nachklingt).

Das vierte Konzert am 12. September unter der Leitung von Christina Pluhar und l’Arpeggiata steht ganz im Zeichen von Claudio Monteverdi, dem Komponisten, der den Übergang von der Renaissance- zur Barockmusik markierte. Monteverdi war Schöpfer ausserordentlich innovativer Aspekte der musikalischen Sprache, wie des sogenannten «stile concitato», in der Gefühle wie Zorn oder Ereignisse wie ein Krieg musikalisch ausgedrückt und beschrieben werden (wie im Vorwort zu seinem 1638 gedruckten «Ottavo libro de‘ madrigali» erläutert).

Das fünfte Konzert am 13. September bestreiten Dorothee Oberlinger (Blockflöte) und Ute Hartwich (Trompete), unterstützt von der Akademie für Alte Musik Berlin (Konzertmeister: Georg Kallweit). Ihre Darbietung thematisiert den  Kontrast zwischen dem Lärm des Krieges (die Trompete war ursprünglich ein militärisches Signalinstrument) und den Klängen der Natur (die Flöte war das typische Instrument der Hirten). 

Das sechste Konzert am 14. September bringt uns zurück ins Jahrhundert des Erasmus: Jordi Savall und sein Ensemble Hespèrion XXI werden gemeinsam mit der Capella Reial de Catalunya in einem innovativen Projekt mit dem Titel «Die Klage des Friedens» einen dichten musikalischen Diskurs, basierend auf den Briefen von Erasmus und anderen Werken über den Frieden führen.

Im Mittelpunkt des Abschlusskonzerts am 15. September steht das Oratorium «David e Bersabea» von Nicola Porpora  (Libretto von Paolo Rolli), das zur Zeit König Davids während der Kriege zwischen Israel und seinen Nachbarvölkern angesiedelt ist. Studierende und Lehrkräfte der Schola Cantorum Basiliensis (gemeinsam mit der Regisseurin Deda Cristina Colonna) erwecken dieses musikalische Glanzstück aus dem Jahr 1735, das einst für Sänger wie die Kastraten Farinelli und Senesino sowie die Sopranistin Francesca Cuzzoni geschrieben wurde, zu neuem Leben. 

Giovanni Andrea Sechi
Künstlerischer Berater von Erasmus klingt! – Festival Lab

 

«Verrücktes» erlebbar machen
Prolog 2022 Christoph Müller, künstlerisches Management und Gründer von Erasmus klingt! – Festival Lab 

Zu sagen, dass mit «Erasmus klingt» für mich ein Traum in Erfüllung geht, ist nicht übertrieben. Als Cellist und Veranstalter habe ich seit Beginn meiner musikalischen und organisatorischen Tätigkeit eine Vorliebe zur Periode des Barock und der Frühklassik und bin fasziniert vom Leben und Denken früherer Epochen und Jahrhunderte. Besonders reizvoll ist für mich die Tatsache, dass für die Menschen sowohl in der Antike und der Renaissance als auch im 21. Jahrhundert Themen wie Macht, Eifersucht, Liebe und Tod stets existenziell waren und dass das Bedürfnis nach Ausdruck, Austausch, Debatte und künstlerischer Interaktion ungebrochen ist, unabhängig von der Zeit, in der wir leben. Das Erscheinungsbild unseres neuen Festivalformats versucht dies ins Bild zu rücken: Erasmus (in der Darstellung von Hans Holbein um 1530) im Heute, mit weissen Headphones im Stadtgetümmel, dem grünen Basler Tram im Hintergrund.

Die Idee, Erasmus’ Werke im biennalen Rhythmus bis zu seinem fünfhundertsten Todesjahr 2036 ins Zentrum eines Festivalformats zu stellen, ist auch mit dem Anliegen verbunden, deren Inhalte neu zu überdenken, zu deuten, zu vermitteln, zu diskutieren und sie vom Standpunkt verschiedener Disziplinen zu betrachten: Musik, Literatur, Philosophie, Geschichte, Kunstgeschichte und Basler Stadtgeschichte.

Dass es dennoch ein Musikfestival geworden ist, liegt sicher daran, dass Musik die unmittelbarste und emotionalste Ausdrucksform aller Kunstgattungen ist. Mit Musik möchten wir unsere Besucher:innen gewissermassen verführen; sie soll ihnen die Tür zu den Themenwelten des Erasmus öffnen. Auch wenn wir uns darüber im Klaren sind, dass Erasmus Musik fern lag (bis auf wenige Aussagen im Zusammenhang mit der Handhabe von Kirchenmusik sind keine Hinweise auf Erasmus’ Musikliebe überliefert), haben wir es gewagt, die Musik ins Zentrum des Festivals zu stellen. Die Periode der Aufklärung und der aufkeimenden humanistischen Gedanken zu Beginn des 16. Jahrhunderts können als Katalysatoren der Musikgeschichte betrachtet werden. Hätte die Gesellschaft nicht darauf gebrannt, Gefühle durch Musik auszudrücken, wäre Monteverdi mit «Orfeo» (1607) wohl kaum auf die Idee gekommen, das Format der Oper zu entwickeln.

Erasmus kämpfte für die Freiheit des Individuums, er appellierte früh an den «freien Willen» jedes Menschen, kritisierte die Zustände in Kirche, Gesellschaft und Erziehung, aber auch zwischen Mann und Frau — und riskierte damit Kopf und Kragen, nämlich der berüchtigten Inquisition der katholi- schen Kirche zum Opfer zu fallen. Andererseits war er aber auch nicht willens, blindlings den Forderungen der Protestanten nachzukommen.

Es gehört zu den grossen Privilegien der Stadt Basel, dass mit Erasmus einer der universellsten Denker der Menschheitsgeschichte Teil ihrer Geschichte geworden ist. Wir erhoffen uns mit diesem Projekt, die Tragweite dieser bedeutenden Figur so umfassend wie möglich zum Ausdruck zu bringen. Dass inzwischen acht Basler Bildungsinstitutionen eine Partnerschaft mit uns eingegangen sind, bringt zum Ausdruck, wie enorm der Nachholbedarf in Bezug auf die Vermittlung zu Erasmus’ Werk tatsächlich ist.

Ich danke allen Partnerinstitutionen herzlich für ihre Bereitschaft, an diesem Experiment teilzuhaben. Besonderen Dank möchte ich dem Schriftsteller Alain Claude Sulzer ausdrücken, der mit seinen inspirierenden Ideen, seinem Wissen, seiner Neugierde, der Lust zur Recherche und mit seinem umfangreichen Netzwerk wesentlich dazu beitrug, namentlich die Nebenveranstaltungen sinngebend und logisch zu kuratieren. Auch der Musikwissenschaftler Giovanni Andrea Sechi beriet und berät mich in wesentlichen inhaltlichen Fragen und trägt dazu bei, dass die musikalischen Bezüge zu Erasmus‘ Werk hergestellt werden.

Ein solches Projekt wäre aber undenkbar ohne Partner und Sponsoren. Den Entscheidungsträgern des Swisslos-Fonds Basel-Stadt gebührt besonderer Dank für die grosszügige Förderung dieser neuen Festival-Initiative. Ohne diese initiale Zusage hätte ich kaum die Möglichkeiten gehabt, weitere Unterstützer zu gewinnen. Ihnen allen danke ich, dass sie mir das Vertrauen entgegenbringen, ein solches Projekt von der ersten Skizze auf dem weissen Blatt Papier bis zur Vollendung realisieren zu können.

Als Musiker und künstlerischer Manager verbindet sich mit der Erfüllung meines Traums von einem Barockfestival in der Basler Altstadt auch der Wunsch, künstlerische Inhalte «out of the box» in neuen Formaten greif-, spür- und fühlbar zu machen: Die «Verrücktheit» des Toren in einer Lesung oder Podiumsdiskussion rational zu verstehen, um sie danach im Konzert emotional nachvollziehen zu können, ist das Ziel dieses Projekts.

Ihr Christoph Müller, künstlerischer Manager
und Gründer von Erasmus klingt! – Festival Lab, Hochrhein Musikfestival, Basel

 

Vorstellung des Festivals Erasmus klingt! – Festlival Lab 2022
Prolog Giovanni Andrea Sechi, Musikwissenschaftler und künstlerischer Berater von Erasmus klingt! – Festival Lab

Warum ein Festival zu Ehren des Humanisten Erasmus von Rotterdam? Warum in einer Stadt wie Basel? Erasmus war ein Gelehrter, der im 15. und 16. Jahrhundert lebte und durch ganz Europa reiste. In seinen Werken entwickelt sich der Traum von einer Menschheit, die durch gemeinsame kulturelle Wurzeln vereint ist (dank humanistischer Studien). Aus diesem Grund wählte die Europäische Union 1987 Erasmus als Symbol einer intellektuellen Gemeinschaft, die Ländergrenzen überwindet und Vielfalt nicht als ein trennendes, sondern vielmehr als ein bereicherndes Element erachtet. Das Erasmus-Programm zur Förderung des europäischen Auslandsstudiums wurde nach ihm benannt. Und nicht ganz zufällig ist auch Basel - wo Erasmus lebte und 1532 starb - eine kosmopolitische Stadt, in der Studierende aus der ganzen Welt heute zusammentreffen, um gemeinsam zu studieren. Aus all diesen Gründen ist die Stadt Basel der ideale Ort, um einen neuen experimentellen Raum zu schaffen, ein Laboratorium, in dem sich verschiedene Kulturen, Erfahrungen und Disziplinen gegenüberstehen können. Dieses Laboratorium ist «Erasmus klingt» – ein interdisziplinäres künstlerisches Festival, das im September 2022 zum ersten Mal ausgerichtet wird. Das Thema der ersten Ausgabe lautet «Folia», inspiriert durch eines der bekanntesten Werke von Erasmus, «Lob der Torheit», das 1509 erstmals in Latein (Moriae encomium) veröffentlicht wurde.

In dieser bissigen Satire begegnen wir einem imaginären Diskurs der Torheit, einer allegorischen Figur, in dem die Lügen aufgedeckt werden, hinter denen die Menschheit die Schlechtigkeit und das Leid der Welt zu verbergen sucht. Die Aufdeckung des Wahren und die Entlarvung des Falschen sind die beiden Themen, auf die sich der Diskurs der Torheit konzentriert. Am Ende des Buches ist die Torheit sehr viel «weiser» und «logischer» als so manche menschliche Tugend. Durch die allegorische Figur der Torheit verurteilte Erasmus seinerzeit die Korruption des Klerus und des Papsttums und verspottete die äusserlichen und formalen Aspekte der vorherrschenden Religiosität. Ein Tor ist jemand, der glaubt, dass bestimmte Gesten der Hingabe ausreichen, um ins Paradies zu gelangen, oder dass es genügt, eine Münze in eine Schale zu werfen, um von allen Sünden erlöst zu werden. «Lob der Torheit» war eines der erfolgreichsten literarischen Werke des 16. Jahrhunderts. Es wurde überall in Europa gelesen, in mehrere Sprachen übersetzt und erschien in zahlreichen Ausgaben und Imitaten. Die vielen Andeutungen, die Erasmus in diesem Buch hinterlassen hat, waren der Grund, warum wir uns bei der ersten Ausgabe von «Erasmus Klingt» für das Thema der «Follia» als roten Faden entschieden haben. Der Irrsinn, von dem Erasmus spricht, geht allerdings mit einer gehörigen Portion Mut einher: Um in einer derart schwierigen Zeit wie heute ein neues künstlerisches Festival hervorzubringen, muss man in der Tat sowohl mutig als auch etwas verrückt sein. Trotz der schweren Auswirkungen der Covid-19-Pande- mie und angesichts eines Krieges in Osteuropa sind wir dennoch überzeugt, dass die Künste ein Medium für den wahren kulturellen Austausch sind – und damit auch für den Frieden. Daher fehlt es uns von «Erasmus Klingt» weder an Mut noch an Irrsinn, noch an der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Dieselbe törichte Hoffnung, die Erasmus dazu brachte, die Fehler seiner Zeit anzuprangern und den Weg für moralische Werte zu ebnen, die sich am Frieden, an der Gegenüberstellung und an der Akzeptanz von Andersartigkeit orientieren. Disziplinen wie die Musik und die Geistes- wissenschaften sind gewiss die besten Botschafterinnen dieser moralischen Werte. Auf dass sie auf dem «Erasmus Klingt» — Festival ihren freien Ausdruck finden!